Kann man in Pension gehen und die eigene Firma behalten?

Wer in Pension geht, verkauft. Das hören Sie vom Treuhänder oder Steuerberater, von der Bank, vom Bekannten, der seine Druckerei abgegeben hat und Ihnen jetzt Fotos von seinem Boot schickt: Wer aufhört, die Firma zu führen, verkauft sie am besten.
Kann man also aus der eigenen Firma in Pension gehen und sie behalten? Ja, unter zwei Bedingungen. Die Firma muss jemand anderem einen marktüblichen Lohn zahlen, damit er sie führt. Und wenn dieser Lohn, die Investitionen und die Reserven gedeckt sind, muss sie immer noch das Einkommen abwerfen, von dem Sie leben. Trifft beides zu, ändert sich Ihre Rolle: Sie führen aus dem Verwaltungsrat oder Beirat, Sie leben von einer Dividende, die von Jahr zu Jahr schwankt, Sie halten sich aus dem Tagesgeschäft heraus, und Sie entscheiden jetzt, wer die Anteile später bekommt.
«Wenn ich aufhöre zu führen, muss ich verkaufen»
Die Antwort liegt meist in einer Schublade: die Abschlüsse der letzten zwei oder drei Jahre. Beginnen Sie bei dem, was die Firma verdient, bevor sie Ihnen etwas auszahlt. Ziehen Sie ab, was ein Geschäftsführer, der Ihre Arbeit machen kann, dort, wo Sie sind, wirklich kosten würde: Lohn, Bonus, Auto, Vorsorgebeiträge und im ersten Jahr die Rekrutierungskosten. Abzuziehen ist auch, was Maschinen und Gebäude jedes Jahr brauchen, und was für ein schlechtes Jahr zurückbleiben muss. Der Rest ist das, was die Firma ihrem Eigentümer zahlen könnte.
In den Übergaben, die ich leite, überrascht eine Zeile die Inhaber am meisten: ihr eigener Lohn. Ein Gründer, der jahrzehntelang Sechzig-Stunden-Wochen für das Gehalt eines mittleren Kaders gearbeitet hat, hat seine Firma still subventioniert. Sichtbar wird das erst, wenn jemand zum echten Preis eingestellt wird.
Gehen die Zahlen nur auf, weil Sie zu wenig verdient haben, sind Sie der billige Chef, und Ihre Pension streicht die Subvention. Ist der Geschäftsführer bezahlbar, bleibt für Sie aber nichts, dann arbeiten Sie für Ihren eigenen Angestellten. Trifft keine der beiden Bedingungen zu, beginnt die Arbeit bei der Firma: Die Firma so aufzustellen, dass sie ohne Sie läuft, macht beide Zahlen erst möglich. Was es kostet, diesen Geschäftsführer und die Leute um ihn herum zu holen, ist eine Rechnung für sich; hier geht es nur darum, ob die Firma diese Kosten tragen kann und Sie dazu.
«Meine Dividende ersetzt einfach meinen Lohn»
Ihr Lohn kam jeden Monat am selben Tag, und so stellen sich Inhaber gern auch die Dividende vor: der alte Lohn unter neuem Namen.
Eine Dividende ist, was übrig bleibt, wenn alle anderen bezahlt sind. Zuerst kommt der Lohn des Geschäftsführers, dann die Lieferanten, die Bank und die neue Presse, die die Werkstatt im dritten Jahr braucht. Danach folgt die Entscheidung, Ihre als Eigentümer: wie viel ausgeschüttet wird und wie viel in der Firma bleibt. In dem Jahr, in dem ein grosser Kunde geht, kann das null sein, und der Lohn des Geschäftsführers ist am Monatsende trotzdem fällig.
Ein Fall, den ich erfunden habe: eine Schreinerei mit 40 Leuten, die Inhaberin ist 63. Ihr Plan zeigt für ein durchschnittliches Jahr eine Dividende, die etwa halb so hoch ist wie in einem guten. Bevor sie übergibt, legt sie die Lebenskosten eines Jahres ausserhalb der Firma zur Seite, damit ein mageres Jahr sie nie dazu bringt, die Firma auszupressen, die ihr noch gehört.
Auch die Steuern verändern die Zahlen. Je nach Land können Steuern und Sozialabgaben eine Dividende und einen Lohn unterschiedlich behandeln, und die Art Ihrer Firma, ihre Rechtsform, spielt ebenfalls mit. Bevor Sie mit einem Betrag rechnen, fragen Sie Ihren Treuhänder oder Steuerberater zwei Dinge: Was kommt von einem Gewinn, der als Dividende ausgeschüttet wird, wirklich bei Ihnen an? Und was verlieren Sie bei Vorsorge und sozialer Absicherung, wenn Sie keinen Lohn mehr beziehen?
«Ich ziehe mich langsam zurück und behalte die Werkstatt im Auge»
Der Plan klingt sanft: Sie geben den Titel ab, behalten Ihr Büro und schauen am Dienstag und am Donnerstag vorbei, wie es läuft.
Was dann meistens passiert: Ihr Geschäftsführer zögert bei einer Offerte; Sie stehen gerade daneben, also entscheiden Sie. Am nächsten Morgen kommt der Werkstattchef mit seiner Frage direkt zu Ihnen. Woche für Woche entscheidet der Geschäftsführer etwas weniger, und Sie müssen etwas öfter vorbeikommen. Nach einem Jahr hat die Firma zwei Chefs, und der Angestellte weiss, welcher zählt.
Der Ausweg ist ein anderer Platz. Ein Eigentümer, der die Firma nicht mehr führt, steuert sie aus dem Gremium: eine schriftliche Regel, was der Geschäftsführer allein entscheidet und was ins Gremium kommt, Sitzungen an Terminen, die ein Jahr im Voraus feststehen, und eine Handvoll Zahlen, die Sie jeden Monat lesen. Zwischen diesen Terminen bleiben Sie der Werkstatt fern. Ein Gremium, das wirklich arbeitet, ist der Ort, an dem ein Eigentümer die Kontrolle behält, ohne an der Werkbank zu stehen.
Worauf ich achte, ist das Büro. Gehört der Schreibtisch des Gründers noch ihm, mit seinem Kalender an der Wand und seinem Mantel am Haken, bringt ihm das Team weiter die Entscheidungen, egal was im Organigramm steht.
«Wenn ich die Anteile behalte, kann die Nachfolge warten»
Die Firma zu behalten, fühlt sich an, als wäre die Nachfolgefrage vom Tisch: Nichts wird verkauft, niemand muss es erfahren.
In der Praxis wird die Frage dringlicher. Weiterhin besitzen Sie etwas, das eines Tages an jemanden gehen muss: an Ihre Kinder, an den Geschäftsführer, an einen Käufer in zehn Jahren. Und Sie müssen regeln, was geschieht, wenn Sie von einem Tag auf den anderen ausfallen, denn die Anteile gehören Ihnen, und ein angestellter Geschäftsführer hat über sie nichts zu sagen. Was vor diesem Tag bestehen muss, ist dieselbe Liste, nur dringender, sobald Sie nicht mehr im Haus sind.
Dazu kommt ein leiserer Vorteil. Eine Firma, die einige Jahre unter einem angestellten Geschäftsführer gelaufen ist, hat bewiesen, worauf Käufer zuerst schauen: Sie funktioniert ohne ihren Gründer. Verkaufen Sie oder Ihre Erben später, zeigt sich dieser Beweis meist im Preis. Die Entscheidungen bleiben Ihre; den Weg dorthin kann jemand führen, der weder zur Familie gehört noch Geschäftsführer oder Käufer ist. Früh anzufangen heisst, dafür zu sorgen, dass nie jemand unter Druck verkaufen muss.
Bleibt die schwierigste Frage, und sie hat nichts mit Geld zu tun: An dem Tag, an dem Ihr Geschäftsführer und Ihre Tochter uneins sind, wohin die Firma gehen soll, wer entscheidet dann, und weiss diese Person es schon?


